Ausgehend vom Austauschprogramm der Musikhochschule Trossingen mit unter anderem der California State University ist es ein leichtes, durch das DAAD-Programm ein Auslandssemester an der California State University, Northridge zu genießen, versichert mir Helge Ebinger gleich zu Beginn des Gesprächs über seine Erfahrungen.

Er studierte dort für ein Jahr Media Composition, wobei der Fokus des Studiums ganz klar auf Filmmusik und Komposition gelegt wurde. Audiotechnik findet speziell bei diesem Studiengang keinen Platz, ein Tonstudio hat er das ganze Jahr über auch nicht gesehen. Wenig verwunderlich ist es folglich, dass die Zeit an der Universität zu etwa 70% damit verbracht wurde, Noten zu schreiben. Kompositorische Arbeit und musikalische Praxis standen im Vordergrund, à la: Macht einfach, je mehr desto besser. Der Vergleich mit dem American Dream liegt nahe: Nicht lange nachdenken, einfach tun und der Rest wird sich ergeben. Einzige Ausnahme bildete vielleicht Jazz Arrangement, wo zwar Theorie nicht im Unterricht behandelt wurde, man aber immer essenzielle Literaturempfehlungen erhielt.

Tonmeisterkurse wurden natürlich auch angeboten – allerdings behandelten die eher die Basics der Audiotechnik: Was ist ein Kondensatormikrofon und wie kann ich damit aufnehmen?

Während die klassische Komposition auch nicht allzu tiefgehend behandelt wurde, erfreute sich der Jazzbereich umso breiterer Aufstellung. Aber am wichtigsten waren eigentlich die Bekanntschaften, die man schließen konnte: Es wimmelte geradezu von inspirierenden Künstlern.

Sehr faszinierend war auch die öffentliche Musikszene, angeführt von einem Veranstaltungsprojekt namens ‚Low End Theory‘ begründet von Daddy Kev und gepflegt unter anderem von Acts wie Flying Lotus, Nosaj Thing und jonwayne.

Bei 10 Dollar Eintritt (und 4 Dollar für 0,7l Bier, nur als Anmerkung) eröffnet sich eine Kreativwelt der elektronischen Musik, die ihresgleichen sucht. Künstler versammeln sich, tauschen untereinander ihre CDs aus, unterstützen sich gegenseitig und allen voran ist da Flying Lotus, der seine Bekanntheit unter anderem nutzt, um seine Kollegen beispielsweise durch Kollaborationen oder ihren Einsatz als Voracts zu pushen.

Das, so Helge, sei der traurige Unterschied zu Trossingen: Während hier nach 20 Uhr gewissermaßen einige kaum mehr Interesse zu zeigen scheinen, sich mit Musik zu beschäftigen und sich lieber in Bars mit gräßlicher Musik beschallen lassen, wirkten Musiker und ihre Instrumente in L.A. so gut wie unzertrennlich: Da wurde schon mal am Klo nebenbei Bass gespielt oder auch das Basketballspiel im Fernsehen subtil per Bass begleitet.

Gedanklich weitergebracht hat Helge auch ein Kunstkurs, den er ab dem zweiten Semester belegte. Hier wurde vor allem Priorität auf Konzepte gelegt und darauf, künstlerisch einen eigenen Weg zu finden, sozusagen seine eigene Bestimmung. Durch diese Herangehensweise lernte er nicht nur seine eigenen kreativen Bedürfnisse kennen, sondern konnte auch gemeinsam mit Freunden aus L.A. ein Projekt gründen, das man durchaus als ‚Lebensprojekt‘ bezeichnen kann: In einem Haus voll mit Musikern wurden Kollaborationen gestartet, die Inputs waren durchweg von genialer, inspirierender Natur.

So konnte es schon einmal passieren, dass wenn Helge eine Session verschickte, die neue Version, die zurück kam, nichts mehr von ihm beinhaltete – und das war gut so, genau daran wuchs er laut eigenen Worten am meisten.

Sein Kunstbegriff hat sich dort generell gewandelt. So, wie man Ultraviolett und Infrarot kennt, spricht Helge von ultraauditiv und infravisuell; zwei Gegenpole, zwischen denen Kunst pendelt, und abseits davon findet angeblich keine Kunst statt.

Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Art Realitätsnihilismus, die verfolgt wurde. Leben zugunsten von Kunst. Was in der realen Welt passierte, war weit nicht so wichtig wie die Elemente der künstlerischen.

So wurden in diesem Auslandsjahr zwei große musikalische Samen gesät, die aber kaum fassbare Projekte sind. Es stellt eher eine Entwicklung dar, eine künstlerische Zusammenarbeit, die schwer erklärt oder präsentiert werden kann, weil das Kunstwerk nicht fertig ist, vielleicht nie fertig werden wird. Man sagt ja auch: Der Weg ist das Ziel.

Somit brauchte es zwei verschiedene Welten, um Helge zu zeigen, wie seine Kunst eigentlich aussehen will. Eine amerikanische Welt, die er nicht versteht, und eine europäische Welt, die er auch nicht mehr versteht. Und der Verlust genau dieses Verständnisses, der bereits erwähnte Realitätsnihilismus war notwendig, um die innere, künstlerische Welt verstehen zu lernen.